Aufgelesen
Für Sie gefunden
in: Tanja Busse, Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht. Heyne Verlag, München 2008, Seite 25f.
Der Soziologe Ulrich Beck, der Entdecker der Risikogesellschaft, hat den politischen Konsumenten in die soziologische Debatte in Deutschland eingeführt. Er bezeichnet ihn als Gegenmacht der globalen Zivilgesellschaft – als eine „bislang kaum entfaltete Gegenmacht“ allerdings. Ulrich Beck glaubt: Der schlafende Riese Konsument kann – richtig organisiert – erwachen und den Kaufakt in eine Abstimmung über die weltpolitische Rolle der Konzerne verwandeln. Seine Waffe? Nicht kaufen. Oder: etwas anderes kaufen. Und während seine Sozilogenkollegen vorsichtig einwenden, dass sich Beck seinen politischen Konsumenten vielleicht nur ausgedacht haben könnte, finden Tagungen über den politischen Konsum oder die Verbraucherbewegung statt wie z.B. im Juni 2005 an der Universität Gießen. Und plötzlich entdecken sogar amerikanische Modezeitschriften wie Elle und Vanity Fair den politischen Konsumenten.
Der politische Konsument muss seine passive Haltung gegenüber der Warenwelt ins Aktive kehren, und statt um Verführung und Coolness zu bitten, muss er fordern: „Verändere dich, sonst kauf ich dich nicht!“ Auf diese Weise hat er es in der Hand, die globalisierte Wirtschaft nach seinen Maßstäben zu verändern. Wenn er das Einkaufen ernst nimmt wie einen Wahlgang, wie eine politische Entscheidung, bei der jede Stimme zählt. Und jeder Euro. Nicht allein bei spektakulären Einzelaktionen (gegen Nestlé, weil der Konzern mit seiner Babynahrung Kinder in Afrika gefährdete, gegen Nike, weil das Unternehmen Fußbälle von Kindern zusammennähen ließ, gegen Shell wegen der Versenkung der Ölplattform Brent Spar), sondern grundsätzlich und ausdauernd. Bei jedem Einkauf.
Das funktioniert, sobald viele mitmachen. Auf veränderte Nachfrage reagieren Unternehmen schneller als auf jeden Gesetzesentwurf. Noch gleicht der politische Konsument einem Stier, der sich von einem Lattenzaun bremsen lässt, weil er nicht weiß, wie stark er ist. Er müsste nur die Augen öffnen, um sich seiner Größe bewusst zu werden. Dann würde er merken, dass er bei jedem Einkauf die Wahl hat und welche Folge seine Einkäufe hatten. Er würde merken, dass seine Einkäufe auch jetzt bestimmen, welche Waren gerade auf welche Weise produziert werden und wem das schadet oder nützt. Denn nur weil er Eier von Hühnern aus Käfigen kauft, gibt es Hühner in Käfigen. Weil er billiges Fleisch kauft, gibt es Schweine, die ihr Leben wie Ölsardinen in der Büchse verbringen. Weil er Atomstrom kauft, fährt der Castor durchs Wendland. Weil er beim T-Shirt-Kauf nicht nach Sozialstandards fragt, werden Näherinnen wie Sklavinnen gehalten.
in der Zeitschrift "Christ in der Gegenwart" 44/2008
Christliche Hoffnung über den Tod hinaus ist nicht Hoffnung auf irgendein Weiterleben nach dem Tode. Es ist vielmehr Hoffnung auf ein Wohnen beim Gott und Vater Jesu Christi. Er wurde in der Taufe auch mein Gott und Vater. Im Glauben ist das Leben ein Weg – ein Weg mit einem Ziel. Hoffnung über den Tod hinaus ist nicht Hoffnung auf ein zusätzliches Leben, sondern Ankommen des jetzt zu lebenden Lebens an seinem Ziel. Den Weg in dieses Ziel ist Jesus den Christen vorausgegangen. Er geht ihn mit – Tag für Tag und durch den Tod hindurch.
Es ist leider wahr, dass bei vielen Christen früher und mancherorts noch heute beim Gedanken an ihren Tod die Hoffnung auf ein Ankommen an ihrem Ziel überschattet ist durch die Angst vor dem Gericht. Diese Angst können sich alle ersparen, für die ihr Sterben das Ende ist. Das heißt aber auch: Am Ende ist es für sie gleichgültig, wofür sie gelebt haben. In der Hoffnung über den Tod hinaus sehen sich Christen in die Verantwortung für ihr Leben gerufen. Das soll sie nicht ängstigen, sondern ihrem Tun und Lassen Gewicht geben und sie dadurch, dass sie ihren Schuldigern vergeben, auf die Begegnung mit dem barmherzigen Gott vorbereiten.
Die Kirche erbittet für die Gestorbenen ein Leben, in dem sie Gott „schauen von Angesicht zu Angesicht“. Darin sollen sie ihr Glück finden. Dieses Glück – und nicht nur ein lebenssattes Sterben – ist das Ziel, für das Gott den Menschen wollte und will. In der Schau Gottes wird mitgeschaut, wie sehr Gott am Leben seiner Menschen hängt und was er tat, als er dafür seinen Sohn dahingab. In dieser Schau gibt Gott auch die Antwort auf die schweren Fragen, die Menschen auf ihrem Weg in ihrer Hoffnung auf Gott bedrängt haben. Dass Gott auf diese Fragen eine alles tröstende Antwort hat, gehört zur christlichen Hoffnung über den Tod hinaus.
Dieter Emeis
in der Zeitschrift "Christ in der Gegenwart" 44/2008
„Du, Mensch, du bist geliebt seit Ewigkeit“ – diese Zusage stellt der Glaube dem menschlichen Lieben voran. Ohne dieses Versprechen würde unbedingte Liebe zur Überforderung werden: Gott ist Liebe, aus der jedes Geschöpf, jede Menschenseele kommt und immer schon in absoluter Weise angenommen und bejaht ist. Seine Liebe ist zugleich jene Kraft, die sich so verletzbar, so ohnmächtig macht, dass sie alles Nein, zu dem Menschen fähig sind, bis ins empörende Extrem zulässt.
Solange es Hass und Tod auf dieser Welt gibt, bleibt auch die Liebe Gottes als Versprechen des Lebens über den Tod hinaus eine Hoffnung, die angesichts der Realität des Bösen angefochten ist. Aber welche Kraft, wenn nicht die Liebe, könnte uns Glauben schenken, dass sie das Höchste ist auf Erden? Nur in ihrem Licht können wir die Welt und unser Leben vom „Standpunkt der Erlösung“ (Theodor W. Adorno) aus betrachten.
Franz Gruber in: „Christliche Lebenskunst“ (Pustet, Regensburg 2008).




