Geschichte von Sankt Johann am Graben
Wenige Jahrzehnte nach Entstehung des Grazer Kapuzinerklosters "St. Antonius auf der Stiege" in der heutigen Paulustorgasse (vollendet 1602), beschloss der Kapuzinerkonvent einen zweiten Neubau und zwar für die Grabenvorstadt. Der Vorort benannte sich nach den Herren vom Graben, die seit dem 13. Jahrhundert hier ihr Stammschloss besaßen, an der Ecke zwischen Grabenstraße und Hochsteingasse. Die Bevölkerung hatte zu einer Ansiedlung von Kapuzinern gedrängt, weil es nicht selten vorkam, dass, wenn des Nachts die Stadttore geschlossen waren, "manicher, ehe man die Thor eröffnet, ohne die heiligen Sakramenten ferstorben" ist. In Sigismund Grafen Dietrichstein fand sich ein hochherziger Stifter, den Baugrund haben andere Adelige "freygebigst verliehen." Wie eine Inschrift im Inneren der Kirche, über dem Sakristeiportal, zeigt, wurde das Gotteshaus 1652 geweiht. Es wurde, wie man heute noch sieht, ein einfacher Bau mit gedrungenen Außenmaßen und im Chorbereich mit einem mächtigen Walmdach, das fast bis in Bodennähe reicht. Das angrenzende Kloster bildete ein nicht ganz geschlossenes Viereck, um einen Hof mit Brunnen.
Die Kapuziner am Graben übten eine volksnahe Seelsorge aus, errichteten hier eine Schule und waren die "bey den Grätzern beliebtesten" Mönche. In den Pestjahren betreuten sie aufopfernd die Todgeweihten, drei ihrer Patres erlagen der Seuche. Dennoch hat die josephinische Reform 1786 das Kapuzinerkloster aufgehoben, seine Mönche vertrieben. Noch im selben Jahr hat man das Gotteshaus in eine Pfarrkirche umgewandelt, mit dem Titel "Sankt Johann Baptist". Erster Pfarrer des neuerrichteten Sprengels war Dr. Ludwig Jakomini. Er sammelte aus verschiedenen und zum Teil aufgelassenen Grazer Kirchen Einrichtungsgegenstände, wodurch die Grabenkirche an Wert gewann. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hat man den Südflügel und den daran anstoßenden kleineren Osttrakt des nunmehrigen Pfarrhofes abgetragen. Schon zuvor entstand auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofes der Pfarrgarten, mit kleinen Pavillions, wie ein Aquarell von C. Kreuzer (um 1840) zeigt.
Beschreibung der Pfarrkirche
Das Äußere der Kirche erinnert deutlich an die Kapuzinerzeit. Den spätbarocken Fassadenturm hatten, an Stelle eines kleinen Dachreiters über dem Chor, noch die Mönche errichtet. Im Turmknauf fand man bei einer Renovierung eine Schriftrolle mit den Ordensnamen und Herkunftsorten der letzten hier wirkenden Kapuzinern. Im oberen Turmgeschoß hängen vier Glocken, die auf einen harmonischen Klang abgestimmt sind. Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte die Neugestaltung der Eingangsfassade, über deren Portal Jakob Gschiel 1866 eine lebensgroße Sandsteinfigur des Pfarrpatrons schuf.
Das Innere der Kirche ist einschiffig, von einem Tonnengewölbe überspannt. Die Nordwand ist für zwei Kapellenanbauten geöffnet, die man über zwei Grüften errichtet hat. In ihnen ruhen die Gebeine der letzten hier bestatteten Kapuziner. Einige der Fenster zieren Glasmalereien der Gegenwartskunst, darunter ein besonders bemerkenswertes, das Alfred Wickenburg Mitte der sechziger Jahre entworfen hat.
An der linken Langhauswand hängt ein qualitätvolles Ölbild im barocken Rahmen, das den Apostel Judas Thaddäus zeigt (um 1740). Die Kanzel, hoch an der rechten Wand, ist mit josephinisch-klassizistischem Dekor - wie auch die Brüstung der Orgelempore - versehen. Auf dem Schalldeckel befinden sich Engelputten mit Symbolen aus dem Alten und Neuen Testament (um 1785). Seit Herbst 1996 ist an dieser Wand das Verkündigungsbild des H.A.Weissenkircher angebracht. Auf dem Gemälde umgeben große und kleine Engel die Verkündigungsszene, den sich demütig neigenden Gabriel und "Magd des Herrn". Weissenkircher hat den Engeln Sinnbilder der Reinheit, Auserwähltheit und Tugendfülle Mariens angefügt, die auf die "Unbefleckt Empfangene" hinweisen. Es war des Künstlers erfolgreichstes Bild, ein "bemerkenswertes Monumentalgemälde ... monogrammiert H:A:W."
Bemerkenswert sind die mit phantasievollem Schnitzwerk versehenen Seitenbacken des Gestühls (um 1720/30). Sie stammen aus der Karmelitinnenkirche, die bis 1934 am heutigen Andreas Hofer-Platz zu sehen war, aber bereits 1782 profaniert worden war. Auch der den Chorabschluß beherrschende Hochaltar (um 1766) war ursprünglich in dieser Nonnenkirche.
Er wurde nach einem Zwischenaufenthalt bei den Franziskanern von Dr. Jakomini für seine Pfarrkirche erworben. Als Hochaltarbild - mehrmals ausgewechselt - sieht man heute wieder das ursprüngliche Retabelbild, eine vorzügliche Arbeit aus dem Jahre 1778, die von Anton Jand(t)l stammt. Es stellt den Pfarrpartron dar, predigend, mit unterschiedlichen Reaktionen der Zuhörer.
Darüber als Bekrönung eine Dreifaltigkeitsgruppe, die Jakob Gschiel 1866 schnitzte, oder nur überarbeitet hat. Die zwei anbetenden Engel und Ziervasen entstanden aber bereits 1767, wie auch die lebensgroßen Statuen vor den Säulen. Sie werden Johannes Pieringer zugeschrieben. Die beiden lebensgroßen Figuren stellten ursprünglich den Nährvater Joseph und Joachim, den Vater Marias dar. Man hat sie 1928 ein wenig umgschnitzt, mit anderen Attributen versehen und so wurden daraus die Apostel Petrus und Paulus.
Der Tabernakel, mit Zopfdekor, zwei Engeln und einem Relief "Christus und die Emmausjünger", entstand um 1780/1785. Die Altarmensa mit ihren vier Marmorsäulen von 1887 dient heute als Volksaltar. Sehr gut restauriert wurden die vier prächtigen Oratorienverkleidungen an den Wänden im Chor, sowie das große Oratorium mit Rocaillebekrönung an der Südwand des Langhauses (um 1770/1780).
Aus der Minoritenkirche Mariahilf kamen zwei Seitenaltäre und wurden beiderseits des Triumphbogens aufgestellt. Sie wurden um 1770/72 geschaffen, ihre Figuren "nach Art Philipp Jakobs Straub". Das Altarblatt des rechten Kredenzaltares stellt den Heiligen Johannes Nepomuk dar (datiert 1772), das Oberbild den Hl. Erhard, die Plastik links den Hl. Bonaventura und rechts die Hl. Margareta von Cortona. Über der Mensa, in einem prächtigen Silberrahmen (bez. 1840) ist eine gute Kopie (18. Jh.) des Mariahilf-Bildes von Lukas Cranach d.Ä., dessen Original sich im Innsbrucker Dom befindet. Das Altarbild des linken Kredenzaltares wird dem Umkreis des Joseph Adam Mölck zugeschrieben, um 1770/72 entstanden. Es zeigt den Minoritenheiligen Joseph von Copertino (gest. 1663) bei einer "Levitation", d.h. schwebend. Unter ihm sieht man Herzog Johann Friedrich von Braunschweig mit Gemahlin und Gefolge. Eine Begegnung des Hl. Joseph mit dem Herzog ergab den Anstoß für dessen Konversion. Die kleine gemalte Immaculata-Statue im Hintergrund war wohl das Vorbild für die im 19. Jahrhundert erfolgte zweifache Übermalung des Bildes. Erst vor wenigen Jahrzehnten hat man die ursprüngliche Malschicht entdeckt. Das Oberbild zeigt die "Weisen aus dem Morgenland", links vom Hauptbild steht die Plastik des Hl. Florian - dessen brennendes Häuschen leider verschwunden ist - und rechts ist ein heiliger Bischof dargestellt.
Die Plastiken der beiden Seitenkapellen fertigte Jakob Gschiel (1866), wobei ihm das große Kruzifix in der zweiten Kapelle besonders gut gelang. Durch die fachkundige letzte Restaurierung wirken die Altaraufsätze wie "altbarock". In der Marienkapelle, links vom Eingang, ist eine qualitätvolle barocke Pietà, aus der Leechkirche stammend, aufgestellt. Das lebensgroße Kruzifix an der Wand, aus Papiermaché gefertigt, stammt noch aus der Kapuzinerzeit. In der Kreuzkapelle befindet sich das wertvollste Sakralwerk der Grabenkirche, ein in Treibarbeit hergestellter kunstvoll mit Silberornamenten gezierter Tabernakel, dessen Entstehung Mitte des 18. Jahrhunderts anzusetzen ist. Leider sind die zwei eleganten kleinen Engeln, mit füllhornartigen Leuchtern, aus derselben Zeit (Umkreis des Jakob Peyer) gestohlen worden. Der Silbertabernakel ist der einzig bisher nachweisbare Überrest aus der "Freydhofkapelle zu St.Georgen". Das Georgikirchlein stand in der Murvorstadt, dort wo sich heute das "Orpheum" befindet, nicht einmal 100 Jahre lang, Ende des 17. Jahrhunderts wurde es nach Auflösung des dortigen Pestfriedhofes zerstört.
Die neue Orgel - von der Firma Allgäuer aus Niederösterreich 1998 installiert - hat 23 Register und zeigt einen diesem Sakralraum gut angepaßten Prospekt, unter Verwendung der bereits vorhandenen musizierenden Engelputti.




