Katholische Kirche in der Steiermark

Anaphora der Addai und Mari

Eine Kontroverse im Vatikan
http://www.kath.net/detail.php?id=9053
Die vatikanische Zeitschrift „Divinitas“ hat sich in die Diskussion um die Anerkennung der Hochgebetsformular Anaphora der Addai und Mari eingeschaltet - Eine Analyse von David Berger
2001 veröffentlichte der Päpstliche Einheitsrat in Rom ein Dokument mit dem Titel „Orientierung für die Zulassung zur Eucharistie zwischen der Chaldäischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Ostens“. Während das Dokument zunächst kaum Aufmerksamkeit fand, wird es seit einiger Zeit besonders auch in Deutschland heftig diskutiert. Der Grund: Der Vatikan gibt den unierten Chaldäern im Falle der Notwendigkeit die Erlaubnis die Messe der getrennten Assyrischen Kirche zu besuchen und dort auch zu kommunizieren. Damit erkennt er zugleich das dort neben anderen gebrauchte Hochgebetsformular Anaphora der Addai und Mari an, das in seiner derzeit aktuellen Form keine Einsetzungsworte mehr enthält.
Während gewisse Theologen das Dokument als endgültigen Abschied von der klassischen Sakramentenlehre und der von Trient zur Kirchenlehre erhobenen Unterscheidung von Form und Materie feierten, zogen sich bestimmte traditionalistische Kreise auf eine rein lehramtspositivistische (Devise: „Es kommt von Rom, also ist es auch unfehlbar und man darf es nicht kritisieren, sonst ist man Sedisvakantist“) oder liturgietraditionalistisch-archäologistische Argumentation (Devise: „Das Hochgebet ist ziemlich alt, also muss es gut sein“) zurück.
Umso erfreulicher ist es, dass sich die traditionsreiche Vatikanische Zeitschrift „Divinitas“, herausgegeben von Prof. Brunero Gherardini und über viele Jahre das offizielle Organ der Päpstlichen Akademie für katholische Theologie, nun mit einem Sonderheft des Themas angenommen hat: Das hier vorliegende Heft bemüht, abseits dieser Extrempositionen, die beide die Autorität des Lehramtes aufs höchste gefährden, einen gesunden Mittelweg zu gehen: Der Sonderband zerfällt in drei Teile: In einem ersten werden die Anafora sowie das umstrittene Dokument abgedruckt. Dann folgen in einem zweiten Teil Stellungnahmen, die für das Dokument sprechen, u.a. von dem durch die Causa über die Fachwelt hinaus bekannt gewordenen Jesuiten Robert F. Taft sowie des bekannten römischen Theologen Bonifacio Honings OCD. In einem dritten Teil, der besonders in der us-amerikanischen Presse (Berichte im National Catholic Reporter sowie auf Radio Vatikan) besondere Aufmerksamkeit gefunden hat, wird die Entscheidung einer ausgiebigen Kritik unterzogen: Angeführt durch den international bekannten Dogmatiker und Herausgeber von „Divinitas“, Brunero Gherardini: Nach einer präzisen Analyse des Fundamentes in Heiliger Schrift und Tradition kommt er zu dem eindeutigen Urteil: Wer immer die Eucharistie mit Verschweigen oder Veränderung der Einsetzungsworte Christi feiert, vollzieht keinen Akt der Verehrung Christi, sondern das gerade Gegenteil. Die Worte „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“ sind die einzige Form des Sakramentes der Eucharistie. Wer auf diese Worte verzichtet oder sie substantiell verändert, bewirkt, dass das Sakrament nicht vollzogen wird. Zu einem ähnlichen Urteil kommt der folgende Artikel David Bergers. Von größter Bedeutung ist aber die folgende Untersuchung des Bochumer Universitätslehrers Thomas Marschler, der akribisch zeigt, dass ein Hochgebetsverständnis, wie es diese Anaphora ohne Konsekrationsworte trägt, mit dem Verständnis von der eucharistischen Sakramentenform, wie es die westliche Theologie des letzten Jahrtausends zutiefst bestimmt, prinzipiell nicht vereinbar ist. Wenn die Kirche die Anaphora des Addai und Mari anerkennt, müsste sie konsequenterweise auch das Konsekrationsverständnis der Ostkirche übernehmen (mit allen Folgen für die Konzeption von Realpräsenz, Rolle des Priesters und in einem weiteren Schritt dann auch in der gesamten Ekklesiologie ...). Ob die Kirche das tun könnte, lässt der Beitrag Marschlers, im Unterschied zu jenem Bergers, bewusst offen: wohin seine Position tendiert, wird aber dort deutlich, wo er die „lehramtspositivisch geprägte Zustimmung“ des Petrusbruders Lugmayr zu dem Dokument kritisch erwähnt. Was diese Position überhaupt nicht sehen kann oder will: Ein bloßes Nebeneinanderstellen der beiden Verständnisweisen von eucharistischer Sakramentenform würde die unerträgliche Anerkennung einer Kontradiktion bedeuten, die niemandem zuzumuten ist (eine Ablehnung kontradiktorischer „doppelter Wahrheiten“ hat auch nichts mit einer mittelalterlichen oder scholastischen Theologie zu tun, wie die liturgischen Archäologisten immer wieder ins Feld führen) sondern gebietet uns bereits die Logik des gesunden Menschenverstandes). Alle Harmonisierungs­versuche, wie sie im römischen Dokument und von seinen Verteidigern ins Feld geführt werden, sind letztlich denkerisch inakzeptabel: “So bleibt das römische Dokument im letzten von einer unverkennbaren Inkonsistenz und Halbherzigkeit gezeichnet.“ Besondere Aufmerksamkeit verdient auch der Artikel des aus Deutschland stammenden, aber in England wirkenden Oratorianerpaters und Universitätslehrers Uwe M. Lang, der mit einer profunden Kenntnis der orientalischen Riten sowie der neuesten Sekundärliteratur zeigt, dass die bekannten Theorien Dom Bottes nicht so abwegig und überholt sind, wie manche uns glauben machen wollen: Mit größter Wahrscheinlichkeit hat die Anaphora die Einsetzungsworte ursprünglich enthalten und diese wurden erst durch die Liturgische Reform des Patriarchen Isho’yadh III im 7. Jahrhundert entfernt. Lang hat inzwischen angekündigt, weitere sehr deutliche Beweise für diese These vorzulegen.
Was man bei aller Freude über die vielen wertvollen Beiträge etwas vermissen wird, ist die nur am Rande erwähnte Tatsache, dass mit dieser Entscheidung – wie ein hoher Kirchenmann verlauten ließ – sozusagen die „Büchse der Pandora“ geöffnet wurde: So lehrt etwa Ordinatio sacerdotalis unmissverständlich: „Damit also jeder Zweifel bezüglich der Angelegenheit von großer Bedeutung, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erklären wir kraft unseres Amtes, die Brüder zu stärken [vgl. Lk 22,32], dass die Kirche in keiner Weise die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass diese Lehrmeinung von allen Gläubigen der Kirche definitiv festzuhalten ist.“ (DH 4983 ) – Dabei ist zu beachten, dass die Form des Altarsakramentes noch weitaus deutlicher auf Christus selbst zurückgeht (in specie eingesetzt ist) und enger die Frage nach der Substanz des jeweiligen Sakramentes tangiert als dies bei der Frage nach dem Empfänger des ordo der Fall ist. Von daher kann hier nur a fortiori gelten, was das Lehramt zurecht bezüglich des Empfängers der Weihe ausgeführt hat. Bei den Konsekrationsworten diesbezüglich eine Ausnahme zu machen wäre eben ein geradezu fatales Signal, das jenen Recht gibt, die die Kämpfer für das Frauenpriestertum auf den nächsten Papst vertrösten ...
Wie bereits erwähnt, hat das Heft schon kurz nach seinem Erscheinen größte Aufmerksamkeit nicht nur im Vatikan erweckt, es lässt die Hoffnung aufkommen, dass dieses Dokument und die davon ausgehende Weichenstellung in irgendeiner Form, bei der alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können, modifiziert werden wird. Dies ginge verhältnismäßig einfach, würde man die im Dokument enthaltene Empfehlung an die assyrischen Priester ‚in die Anaphora von Addai und Mari die Einsetzungsworte einzufügen’ (die nach A. Ziegenaus ohnehin keinen Sinn macht, wenn man voraussetzt, dass die Einsetzungsworte dort bereits in verstreuter, aber ausreichender Form vorhanden sind) in eine Verpflichtung umwandeln. Dennoch nimmt man allgemein unter den Freunden des Dokumentes an, dass so etwas nicht geschehen wird, weiß aber, dass inzwischen auch die Gutwilligen bemerkt haben, dass das Dokument weitreichende Folgen haben könnte und befürchtet daher, dass man in Zukunft wesentlich vorsichtiger sein wird: Cf. National Catholic Reporter vom 3.11.2004: „Still, the Divinitas issue suggests that reservations about the anaphora are alive and well within the Holy See, backed by influential sectors of Catholic opinion. One Roman source told me that his fear is not so much that the 2001 decision will be rolled back, but that it will become a dead letter in terms of guiding future cases.“ - Auf jedem Fall wird keiner, der in Zukunft kompetent über die genannte Frage mitreden möchte, an dieser Publikation vorbeigehen können.
Brunero Gherardini (Hrsg.): Sull’Anafora dei Santi Apostoli Addai e Mari (Numero speziale die Divinitas), Città del Vaticano 2004, 296 Seiten.
David Berger