Im Jahre 1892 schrieb Fürstbischof Johannes Baptist Zwerger bei der Grundsteinlegung der Kirche von St. Vinzenz in dem Dokument, das in den Grundstein eingefügt wurde, diese Kirche werde erbaut, "dass bei der besonders durch die zahlreichen Fabriken vermehrten Bevölkerung den religiösen Bedürfnissen der Arbeiter besser vorgesorgt, der Glaube und die Frömmigkeit vermehrt, der Empfang der Sakramente ... gefördert, und endlich die Kinder des anliegenden Asyls Leopoldinum besser in Schule und Erziehung gedeihen". Damit war ein Programm vorgegeben, das auf die Nöte der Menschen antwortete, die in der Gemeinde Neu-Algersdorf wohnten oder eher ihr Leben fristeten. Denn durch das Entstehen von großen Fabriksanlagen westlich der Bahnlinie war es auch zu einem Zuzug von Tausenden Menschen gekommen, welche ohne die heute gewohnte soziale Absicherung mehr schlecht als recht um ihre Existenz kämpften. Wie angespannt die Lebensbedingungen für viele waren, darüber berichtet der zuständige Pfarrer von St. Andrä, Leopold Hofbauer: "Ungünstige Zeit- und Industrieverhältnisse tragen die Schuld, dass Hunderte dieser Bewohner oft von einem
sehr karg bemessenen Taglohne, viele sogar ohne bestimmten Erwerb dahinleben, von einem Tag zum anderen und infolge der traurigen Notlage sich selbst überlassen oft die Beute verzweiflungsvoller Erbitterung wurden."
Eben dieser Pfarrer von St. Andrä hatte schon zwölf Jahre vorher in Neu- Algersdorf die geistliche Betreuung einer Vinzenz-Konferenz übernommen, um mittels dieser Männergemeinschaft nach dem Beispiel Frédéric Ozanams durch tätige Nächstenliebe der Not und dem Elend großer Teile der Bevölkerung gegenzusteuern. Zwei Jahre später, 5. September 1882, wurde ein Kinderasyl, das Leopoldinum, eröffnet, das von den Barmherzigen Schwestern geführt wurde und bereits im ersten Jahr über 320 Kinder betreute. Darüber schreibt Hofbauer im selben Bericht: "Das Leopoldinum umfasst eine Mädchenschule nebst Kindergarten, eine Arbeitsschule für erwachsene Mädchen und das Asyl für die Knaben, welche die Volksschule in Baierdorf besuchen." Da die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten sich an die Barmherzigen Schwestern und die dort tätigen Lazaristen wandten und seit dem Jahre 1889 in der Kapelle des Leopoldinums auch Gottesdienst für die Bevölkerung gefeiert wurde, war der Grundstein für die Betreuung der Bevölkerung gelegt. Die Kapelle des Leopoldinums war jedoch bald zu klein, und man hielt Ausschau nach der Möglichkeit eines Kirchenbaues. Das Geld für das Leopoldinum und für andere soziale Einrichtungen war vom großen Wohltäter der Bedürftigen, Graf Leopold von Lilienthal, gekommen, der sein Vermögen dem Fürstbischof erblich hinterließ und damit auch die finanzielle Basis für den Bau der Kirche St. Vinzenz schuf.
Fürstbischof Zwerger stand zu dieser Zeit mitten in den Auseinandersetzungen des Kulturkampfes und musste sich in Graz besonders gegen den Liberalismus zur Wehr setzen. Die Grazer Herz-Jesu-Kirche ist das demonstrative Symbol des Bischofs für den rechten Glauben. Eine Kirche, für deren Bau das Geld ebenfalls aus dem Erbe des Grafen Leopold von Lilienthal herangezogen wurde. Diese Kirche war genau ein Jahr vor der Grundsteinlegung von St. Vinzenz geweiht worden.
DIE KIRCHE ST. VINZENZ - als Bauwerk
Über den Bauherrn und die Baumeister gibt eine Notiz der "Grazer Morgenpost" als Beilage zur "Grazer Zeitung" vom 10. Mai 1892 Auskunft: "Kirchenbau in Algersdorf. Gestern vormittags, 8 Uhr, wurde der Grundstein der neuen Kirche in Algersdorf durch Se. Exzellenz, den hochw. Herrn Fürstbischof Dr. Zwerger eingefügt. Die Kirche wird einschiffig nach dem Plan des Architekten Robert Mikovics durch den Baumeister Herrn Franz Böhm gebaut." Auch in dieser Notiz wird Graf Lilienthal als Wohltäter genannt. Der Bau der Kirche schritt zunächst gut voran, und am 6. April 1893 hielt Bischof Zwerger die Turmkreuzweihe. Dann aber gab es Verzögerungen, und erst im März 1894 konnte die "Bauendrevision" vorgenommen werden, nach welcherdie Gemeinde Algersdorf die Erlaubnis zur Benützung der Kirche gab.
1894 benedizierte Domprobst Dr. Johann Winter die neue Kirche, da der für die Kirchweihe zuständige neue Bischof Dr. Leopold Schuster im Heiligen Land weilte. Bischof Zwerger war am 14. August 1883 verstorben.
Die festliche Kirchweihe fand schließlich am 24. April 1895 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt. Die Urkunde der Kirchweihe mit den Angaben über die Beisetzung der Reliquien in den drei Altären ist in lateinischer Sprache ausgefertigt und befindet sich heute in der Sakristei.
Der St.-Joseph-Kalender schrieb 1894 über den neuen Kirchenbau: "Für die Kirche wurde der Stil der Renaissance gewählt (heute
würde man sagen: Neo-Renaissance, Anmerkung des Verfassers) ... Die Anlage besteht aus einem Langschiff und, als Fortsetzung desselben, dem Presbyterium. Zwischen beiden schiebt sich das mit dem Langschiffe gleich breite Querschiff ein, in dessen westlicher Ecke sich der dreigeschossige, mit einem zierlichen Kupferdache abgeschlossene Thurm erhebt."
Diese Beschreibung des Grundrisses offenbart die Form eines Kreuzes, da das Querschiff wie der Querbalken des Kreuzes sich zwischen Längsschiff und Presbyterium schiebt. So ist im Grundriss der Kirche das Zeichen der Erlösung, das Kreuz, gegenwärtig. Den ersten Seelsorgern von St. Vinzenz weist die "Widmungsurkunde", gezeichnet vom fb. Ordinariat und der Pfarrvorstehung von St. Andrä folgende Aufgaben zu: "Die Besorgung des Gottesdienstes, die Aushilfe im Beichtstuhle und im Predigtamte, sowie im Kranken versehen - ohne die Beeinträchtigung der pfarrlichen Rechte in dieser ausgedehnten, seelenreichen Pfarre die ebenso notwendige als dringende Aushilfe." Betrachtet man die Kirche auf der Seite des großen Eingang-Portals (südseitig) von außen, dann sieht man links und rechts an der Außenfassade die zwei Monumentalfiguren des hl. Johannes des Täufers und des hl. Leopold, die Namenspatrone der beiden Bischöfe, die am Werden der Vinzenz-Kirche Anteil hatten: Johannes Baptist Zwerger und Leopold Schuster. Wobei der hl. Leopold auch noch Namenspatron weiterer Personen war, die an der Gründung von St. Vinzenz großen Anteil hatten.
DER VOLKSALTAR, DER AMBO, DAS ALTARKREUZ
- und die Leuchter für die Osterkerze
Das Eucharistische Opfer, die Mahlgemeinschaft, die Verkündigung des Gotteswortes bilden seit der Umgestaltung des Altarraumes (1985) eine neue Einheit. Genau im Schnittpunkt von Längsschiff und Querschiff ruht der Messaltar mitten unter dem Volk. Auch im Schnittpunkt des Kreuzes, wenn man den Grundriss der Kirche heranzieht. Da wird Eucharistie gefeiert, vor Gott hingetragen.
Der Grazer Künstler Professor Erwin Huber hat den Altar in Form einer großen Lade (der Bundeslade im Neuen Bund) als Bronzeguss geschaffen. Auf den Bronzetafeln des Untertisches (der Lade) ist das Osterlamm mit dem Kreuz auf der dem Priester zugewandten Seite zu sehen, an die sich rundum die Apostelgemeinschaft des Letzten Abendmahles schließt. Allerdings in ungewohnter Präsentation: Die Apostel sitzen nicht, sondern sie stehen. Da klingen die Worte aus dem Alten Testament an, wo beim Passah-Fest die Mitglieder des Hauses stehend, „gegürtet", das heißt zum Aufbruch bereit, das Mahl einnahmen. So lässt sich die Mahlgemeinschaft des Neuen Bundes nicht ausruhend nieder, sondern ist für den Aufbruch zu den Schwestern und Brüdern bereit. Das Altarkreuz wächst als Vortragskreuz und als Zeichen des anwesenden Gekreuzigten vor dem Messaltar aus der erhöhten Bodenfläche. Die Ausführung ist ebenfalls ein Bronzeguss von Erwin Huber. Und der Ambo, als der Ort der Verkündigung, steht etwas zurückgenommen rechts hinter dem Messaltar. Den eindrucksvollen Bronzeguss schmücken die Symbole der vier Evangelisten: der Stierkopf (Lukas), der Mensch (Matthäus), der Löwe (Markus) und der Adler (Johannes). Auch er stammt von Erwin Huber, genauso wie der mit Szenen der Auferstehungsberichte geschmückte Bronzeleuchter für die Osterkerze.